Reads: 38

Sah man von den verschiedenfarbigen Augen und der Intelligenz, die dahinter lauerte, ab, war Martti ein ganz durchschnittlicher Bewohner von Nutrocarro. Er war durchschnittlich groß und hatte eine durchschnittliche Figur. Er hatte mittelbraune Haare, eine Allerweltsfrisur, einen unauffälligen Teint und ein Gesicht, das man schon wieder vergessen hatte, bevor man an ihm vorbeigelaufen war.

Vor Martti befand sich das Büro des Rektors der einzigen Universität, hinter ihm die schönste Aussicht des Planeten. Da Rektor Perrin die Panoramafenster selbst in Auftrag gegeben hatte, war das kein Zufall.

Auf der Westseite ging gerade Carro – der Gasriese, um den Marrti, die Universität und die Stadt kreisten – unter. Das letzte Licht, das sich seinen Weg von der Sonne Pallu, um Carro herum und auf die Oberfläche von Nutrocarro gebahnt hatte, verschwand.

Uneingeladen betrat der Student das Büro. Wie erwartet sprang der Rektor hinter seinem Schreibtisch auf.

»Verdammt! Hat man Ihnen nicht beigebracht, zu klopfen?«

Martti positionierte sich. Anstatt die Arme vor der Brust zu verschränken und so abweisend zu wirken, stellte er sich vor dem Tisch auf, wie es die Soldaten in den alten Filmen von der Erde immer taten: Die Hände hinter dem Rücken, die Beine schulterbreit auseinander.

»Die email sagte, ich soll so schnell wie möglich in Ihr Büro kommen, Herr Rektor.«

»Die habe ich vor zwei Stunden geschickt!«

Martti nickte. »Schneller war es mir nicht möglich. Ich hatte Social Engineering IV bei Professor Harris. Und danach habe ich zu Mittag gegessen. Ich kann mich mit leerem Magen schlecht konzentrieren.«

Der Rektor prustete. »Dann hätten Sie ja auch ein paar Sekunden für die Grundlagen der Höflichkeit übrig gehabt.«

»Wieso? Habe ich Sie bei etwas … Unanständigem erwischt?«

»Was? Nein! Natürlich nicht!« Der Rektor wurde rot.

Martti wartete einen kalkulierten Moment. »Weswegen haben Sie mich einbestellt?«

»Tun Sie nicht so unschuldig!« Der Rektor ging zum Fenster. Mit einem Ruck riß er die Gardine zur Seite.

Martti beugte sich vor, um die Werbetafel zu sehen, auf die der Rektor zeigte. »Ahh. Das.«

»Ja! Genau! Das! Wie können Sie es wagen? In diesen Zeiten!«

Martti schaute wieder geradeaus. Eins der gerahmten Diplome hinter dem Sessel hing schief.

»Damit habe ich nichts zu tun.«

»Sie streiten also ab, dieses Video aufgenommen zu haben?« Rektor Perrin gestikulierte in Richtung der Werbetafel.

»Das wäre ziemlich nutzlos, oder? Mein Name steht schließlich in den Meta-Daten. Ja, ich habe das Video aufgenommen.«

»Warum? Verdammt noch mal! Wollen Sie denn Herrn Hegelers Zukunft ruinieren?«

Martti grinste. »Das hat er schon selber getan, glaube ich. Einen Studenten vor laufender Kamera zu schikanieren. Einen … entstellten noch dazu. Selbst ein … sozial eingeschränkter Mensch wie Daniel kann doch nicht so dumm sein.«

»Das haben Sie provoziert. Sie oder Ihr Mitbewohner. Das ist genau der Stil, den ihr …« Der Rektor verstummte, bevor er einen ähnlichen Fehler beging, wie der, der gerade zum zehnten Mal im Format von acht mal fünf Metern vor dem Fenster gezeigt wurde.

»Ihr …? Ihr was? Waisenkinder? Arme Leute? Peaches? Oder sind Sie einer von denen, die ›Bewohner von New Horizons‹ sagen und ›Peaches‹ meinen?«

Der Rektor presste die Lippen zusammen.

»Vielleicht sollte ich die Antwort auch aufzeichnen? Wer auch immer das Video ins Netz gestellt hat, könnte sich dafür interessieren.«

»Sie streiten also ab, das gewesen zu sein?«

Martti schaute genauso lange verwirrt drein, bis er überzeugt war, dass Rektor Perrin es gesehen hatte. »Ich bin sicher, dass Sie inzwischen die Upload-Daten überprüft haben und deshalb die Antwort schon kennen. Ich habe es jedenfalls beim Essen getan. Zum Zeitpunkt des Uploads stand ich in Professor Shapiros Büro und habe meine Masterarbeit angemeldet. Ich gehe ebenfalls davon aus, dass Sie das mit Hilfe der Überwachungskameras bereits überprüft haben.«

Der Rektor winkte ab, dann drehte er sich zum Fenster. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, genau wie Martti es tat. Der Student bemerkte es sofort.

»Natürlich. Sowohl Professor Pureesrisak als auch Professor Paikuli haben das bestätigt. Ich habe Sie hierher gerufen, damit Sie mir erklären, wie Sie die Meta-Daten des Uploads gefälscht haben.«

Marttis Plan beinhaltete Antworten auf alle möglichen Anschuldigungen und Reaktionen, von der Frage, wie er das Video unbemerkt auf ein anderes Gerät kopiert hatte bis hin zur Exmatrikulation. Dass der Rektor mit dieser völlig absurden Verdächtigung den Nagel auf den Kopf treffen würde, hatte Martti nicht vorhergesehen. Er musste seine Verwirrung nicht spielen.

»Äh, Professor Perrin, Sie wissen aber schon, wie das Netz funktioniert, oder?« Martti brauchte einen Moment, um seinen Plan anzupassen. Eine narzißtische Tirade würde ihm die Zeit geben.

»Was? Natürlich! Ich halte schließlich die Grundlagenvorlesung! Seit zwanzig Jahren …«

Marttis Gedanken drifteten ab, während sich in seinem Kopf ein Entscheidungsbaum entfaltete. Optionen wurden generiert, bewertet und wieder verworfen. Übrig blieben zwei Strategien: Er konnte entweder das Unschuldslamm mimen oder Perrins offensichtliche Inkompetenz ausschlachten. Der Mann mochte zwar die Vorlesung halten; den Inhalt hatte er wohl nicht verstanden. Damit konnte man arbeiten.

»… deswegen werden Sie mir verraten, wie Sie die Meta-Daten gefälscht haben, bevor ich die Behörden einschalte!«

Martti trat einen Schritt vor. »Also gut. Ich verrate es Ihnen. Aber es bleibt unter uns!«

Perrin nickte. Martti stützte sich auf den Schreibtisch.

»Mein Geheimnis ist …«

»Ja?« Perrin beugte sich ebenfalls nach vorne.

»Ich war’s nicht. Weil es technisch unmöglich ist: Jedes Datenpaket wird mit Datum, Uhrzeit und Namen des Senders versehen, bevor es ins Netz geladen werden. Die Daten sind mit einem Code verschlüsselt, der tausend Mal in der Sekunde gewechselt wird. Selbst wenn man diesen Code in Echtzeit knacken könnte, wäre er veraltet, bevor das Paket im Netz angekommen wäre.«

Martti stellte sich wieder vor dem Tisch auf. Er grinste über beide Ohren. »Dass Sie als Rektor nicht mal Grundschulwissen über das Netz haben, ist echt der Hammer. Das glaubt mir keiner!«

»Dann behalten Sie es für sich!« Perrin versuchte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.

Martti prägte sich Perrins hochrotes Gesicht ein, so gut er konnte. Dieser Anblick würde ihn in einer dunklen Stunde wieder aufrichten. Es würde seine Motivation sein, wenn der nächste Möchtegern-Tyrann seine Ohnmacht an einem Waisenkind ausließ.

»Wenn das alles ist, kann ich ja gehen. Meine Schicht beginnt in einer Stunde und ich muss bis New Horizons fahren. Die Maglev braucht eine halbe Stunde.« Martti drehte sich zur Tür.

»Hier geblieben! Wenn Sie Ihren Job schon erwähnen! Darüber müssen wir auch reden!« Perrin versuchte, sich zwischen Martti und die Tür zu stellen.

»Was ist damit?« Sein Job hatte nichts mit dem Plan zu tun.

»Maglev-Pods putzen ist eines Studenten dieser Institution unwürdig! Wenn Sie den Job nicht schnellstmöglich aufgeben, muss ich Sie wegen ehrenrührigen Verhaltens exmatrikulieren.«

Martti schnaubte. Es war ja nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich einer dieser Schnösel an seiner Herkunft störte. Ein Waisenkind aus New Horizons gehörte nicht an die renommierte Universität von Foundation. Wenn es nach denen ging, gehörten Leute wie er nicht auf Nutrocarro. Wenn es die Möglichkeit gäbe, hätten sie ihn schon als Kind in eine Rakete gesteckt und nach Pietrocarro deportiert. Nur die Physik und seine guten Noten standen zwischen ihm und einer einfachen Fahrt auf den anderen Mond. Solange Carro den halben Himmel einnahm, würden diese Wünsche nur Fantasien intoleranter Reichlinge bleiben. Schließlich konnte alles Geld der Welt nicht die Umlaufbahnen der Verfolgermonde ändern.

Martti starrte Perrin in die Augen. »Ich gehe davon aus, auf den Stufen der Universität zu betteln, ist ebenfalls ehrenrühriges Verhalten?«

»Natürlich! Warum …«

»Weil das meine einzige Alternative ist, zu Geld zu kommen. Ich bin mir sicher, dass Nutro-Ad alle Tafeln in Foundation und New Horizons mit meiner Geschichte füllen könnte. Tagebuch eines Bettelstudenten. Klingt gut, oder? Sie bekommen eine Hauptrolle darin.«

Martti war überrascht, dass Perrins Kopf noch röter werden konnte. Der Gedanke, dass der Mann vielleicht vor seinen Augen einen Herzinfarkt bekäme, schlich sich in seinen Kopf. Ob er ihm helfen würde oder einfach nur den Anblick genießen würde, war ihm selbst nicht klar.

Perrins Arm zuckte hoch. Der Mann zeigte auf die Tür. Seine Zähne waren so fest aufeinander gepresst, dass er keinen Ton herausbekam. Martti schaute an ihm vorbei.

Vor dem Fenster schubste Daniel Hegeler zum zwanzigsten Mal Leon auf den Boden. Das schmerzverzerrte Gesicht als er mit der verbrannten Seite aufprallte, füllte die Tafel. Martti musste zugeben, die Tipps der Filmstudenten waren gut. Er hatte seinen Standort perfekt gewählt. Das Licht von hinten ließ Daniel noch finsterer wirken. Mit dem Blickwinkel von unten nach oben wirkte er riesig. Leon dagegen wirkte klein und verletzlich. Wäre Daniel nicht so vorhersagbar, dass er Leon jeden Tag zur gleichen Zeit auflauerte, wäre das Video lange nicht so gut geworden.

Natürlich war Martti ganz zufällig dort vorbei gekommen, wo sich Leon und Daniel begegnen würden. In den letzten Wochen hatte er einen anderen Weg in die Bibliothek gewählt. Dass er heute zufällig durch den Park zwischen der Fakultät und den Wohnheimen ging, lag nur daran, dass er die Mütze seiner Uniform vergessen hatte. Kein noch so geschickter Ermittler hätte hier Vorsatz konstruieren können. Selbst wenn es Aufnahmen von Leon und Martti gäbe, würde sich darauf kein Wort über Daniels Schikane finden. Leon würde lieber ins offene Meer hinausschwimmen als zuzugeben, dass ihn jemand wegen seiner Narben tyrannisierte.

Martti brauchte keine Worte. Er brauchte schon lange keine Erlaubnis, zu helfen. Er brauchte nur etwas Zeit und ein paar Informationen. Damit konnte man arbeiten.


Submitted: February 16, 2025

© Copyright 2025 Joe X. Kalubier. All rights reserved.

Chapters

Add Your Comments:


Facebook Comments

Other Content by Joe X. Kalubier